Geisterstadt in den Bergen

Wir sind irgendwo zwischen Linz und Wien. Unser Stellplatzführer hat uns verraten, dass es hier einen kostenlosen Parkplatz für Wohnmobile gibt. Also biegen wir von der B3 entlang der Donau ab und schrauben uns auf ein Neues in eine grüne Berglandschaft hinein. Nicht die Alpen, aber steil ist es auch. Und kurvig. Am Straßenrand sind immer wieder Holzkreuze auszumachen. Die Wege hier scheinen die Einwohner zum Rasen zu animieren, vielleicht auch die Langeweile. Nach einigen Kilometern gelangen wir nach Waldhausen im Strudengau, biegen direkt ab in Richtung eines angrenzenden Dorfes mit dem Namen Schloßberg und stellen dort auf dem Parkplatz am Badesee unseren Bus ab. Es ist Mittagszeit und kaum ein Mensch ist zu sehen. Wir wissen noch nicht, dass sich das nicht mehr ändern wird.
Erst einmal wird die Lage gecheckt. Beim kurzen Gang zum nahen Seechen komme ich mir beobachtet vor, ohne dass ich auch nur eine Person entdecken kann. Wir essen etwas und schlafen noch eine kleine Runde. Schließlich sind wir schon seit sieben Uhr auf den Beinen. Der Rhythmus passt sich schnell den Hell-Dunkel-Intervallen an, wenn man draußen lebt. Raus aus Stadt und gewohntem Alltag, mit nur wenig künstlichem Licht zur Verfügung.
Gegen fünf Uhr machen wir uns auf, um die Umgebung zu erkunden. Wir gehen am See entlang. Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckt sich das kleine Dörfchen. Ein Gasthof direkt am Ufer ist auszumachen. Aber alles liegt in einer seltsamen Ruhe. Ein paar Autos fahren vorbei, doch Menschen auf zwei Beinen sieht man nicht. Eine Schautafel gibt Aufschluss über Wanderwege in der Region. Überhaupt ist hier alles irgendwie auch für Touristen hergemacht. Alles ist blitzblank sauber, das Restaurant macht den Anschein, als wenn drinnen nur darauf gewartet wird, dass endlich die Fremdenscharen einkehren. Selbst der See scheint hoffnungsfroh der Touriströme zu harren, die jeden Moment kommen mögen. Doch es geschieht nichts. Keine Reisebusse voller Schaulustiger, keine Cabrios bringen badelustige Bikiniladies her. Alles liegt in einer seltsam erwartungsvollen Stimmung. Und wir werden das Gefühl nicht los, dass dies schon seit langer Zeit so ist.
Auch die opulente Kirche, die mächtig auf dem höchsten Berg im Dorf ihren Turm in die Höhe reckt, scheint bestens auf die Menschenmassen vorbereitet zu sein. Die Türen stehen weit geöffnet, auf dem Vorplatz ist der Kies säuberlichst gehakt, Blumen zieren den Eingang. Doch nirgends ist ein Mensch zu sehen. Noch nicht einmal ein Einheimischer, der hier die Gäste empfangen könnte.

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Als wenn es nicht schon unheimlich genug wäre, gehen jetzt auch noch die Sirenen los, um ihre Funktion zu testen (so hoffen wir). Dreimal heulen sie auf und ihr Schall trägt sich noch sekundenlang über die Hügel.
Wir gehen weiter. Auf einem schmalen Weg den Kirchenhügel wieder hinunter. Unter 100-jährigen Bäumen durch – so hatte uns die Schautafel verraten. Kein Mensch weit und breit. Oder doch: Auf zwei Tennisplätzen linker Hand frönen ein paar kurzberockte Frauen ihrem Lieblingssport.
Es geht weiter in Richtung Waldhausen, wo wir trotz vorangeschrittener Zeit auf einen offenen Supermarkt hoffen. Kurz bevor der Ort beginnt, sind auf einer großen Rasenfläche noch das Gerippe eines Festzelts und ein paar zusammen gebaute Fahrgeschäfte zu erkennen. Matschspuren zeugen von einem menschenbefüllten Jahrmarkt, der hier noch vor einigen Tagen gewesen sein muss.
Auch in Waldhausen scheinen die Bürgersteige schon hoch geklappt zu sein. Erst als wir den Supermarkt betreten, der fast magischerweise bis 19h geöffnet hat, begegnen uns wieder Menschen. Wir fühlen uns wie nach tagelanger Wanderug durch die Einöde wieder von der Zivilisation willkommen geheißen und tauchen ein ins Konsumparadies.

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