„Let me help you to spent your money“

Istanbul haben wir hinter uns gelassen. Erst jetzt, nach einigen Tagen, beginnen sich die Erlebnisse in dieser Stadt langsam zu setzen. Endlich kommt alles wieder zur Ruhe, was in den vergangenen Tagen in voller Aufruhr war. Vom ersten Moment an hat uns Istanbul verschlungen und erst Montag nach gut eineinhalbstündiger Fahrt wieder ausgespuckt. Die sechs Tage im Innern der Stadt waren geprägt von einer schlimmen Durchfall-Verstopfungsnacht im Bus mit anschließendem Hotelaufenthalt (vermutlich hatte Tom gleich am ersten Tag irgendwas falsches gegessen), von viel Tee, von den üblichen großstädtischen Aspekten wie Autos, Lärm und Verkehrschaos, von leckerem Iskender Kebab, Börek, Köfte, nachdem Toms Bauch wieder gut war, von Schifffahrten über den Bosporus, von einem Fähranleger, dessen Name wie das Quängeln eines Kindes klingt (Eminönü) und von feinen Begegnungen mit einem Freund, den wir aus Bremen kennen und der uns die Stadt nochmal aus einer anderen Perspektive zeigte.
Zwischendurch entwickelten wir echte Fluchtreflexe, weil wir uns nach wochenlanger Einsamkeit auf einmal in diesem Großstadt-Trubel wiederfanden. Auch weil den Massen selbst auf unserem Stellplatz nicht zu entkommen war. Abends parkten hier unzählige Einheimische, hörten laut Musik, stritten sich (zumindest klang das so) oder saßen einfach im Dunkeln ihrer Wagen. Ein paar Mal quälte uns leider auch das Gefühl, mit Fanatasiepreisen geneppt worden zu sein. Gerade in den sehr touristsichen Gegenden wurden oft keine Preise angegeben und dann nach der Bestellung eine Summe genannt, die uns doch deutlich zu hoch vorkam. Auch der erste Taxifahrer, der für drei Kilometer das Vierfache des üblichen Preises haben wollte, hat uns doch arg vergrault. Bei allen folgenden Taxifahrten ließen wir anfangs nur mal kurz das Wörtchen „Taxameter“ fallen – das hat geholfen. Im Haupttouristenviertel, durch das wir mehrfach durchgelaufen sind, weil unser Bus hier parkte, konnte man teils kaum einen Schritt vor den nächsten setzen, ohne nicht von der Seite angeschnackt zu werden, um in einem Restaurant Platz zu nehmen. Der Lockruf eines Bazarverkäufers fasst das alles ganz gut zusammen: „Let me help you to spent your money.“

Der sonntagliche Ausflug auf die asiatische Seite versöhnte uns dann wieder mit der Stadt. Deutlich weniger Touristen und dementsprechend auch weniger Abzocke. Da abends ein Ligaspiel von Fenerbahçe lief, schlichen wir nach einem Einkaufsbummel noch ums Stadion herum. Fragten, ob es noch Tickets zu kaufen gäbe, was allseits mit einem vehementen Nein und einem „very difficult“ beantwortet wurde. Sprachen dann sogar noch ein Fernsehteam an, ob es als Presse noch möglich sei, hinein zu kommen. Erwischten auch gleich den richtigen, der alle Leute am Presseeingang mit Handschlag begrüßte, dann aber leider doch nichts für uns tun konnte. Bei Bayern München würde man ja ohne Akkreditierung auch nicht einfach so hineinkommen, war die Begründung. Nagut, stimmt wahrscheinlich. Ein spannender Artikel wäre es sicherlich trotzdem geworden, über einen Verein, der inzwischen nur noch seine Fans mit personalisierten Tickets und wahrscheinlich keinen einzigen Gästefan zu den Spielen lässt. Und dessen Verkäufer im Fanshop betonen, der türkische Fußballverband könne den Verein nicht leiden.

Schön war auch die Begegnung mit Ömur und seinen Freunden, die mich warmherzig zum Tee einluden, als ich gerade nach wenig Schlaf und mit dem kranken Tom im Hotel durch die Gassen wandelte und nicht so recht wusste, wohin mit mir in dieser Millionenstadt. Da standen die Jungs auf einmal vor mir, drückten mir einen Tee in die Hand, baten mich zum Setzen auf den Treppenstufen vor ihrem Teppichgeschäft. Entgegen meiner misstrauichen Annahme, dass er mir eh nur etwas verkaufen wollte, begann Ömur dann ein Gespräch mit mir auf fließendem Englisch. Wie sich zeigte, war er gerade nur zu Besuch und wohnte eigentlich seit 22 Jahren in Neuseeland. Als ich vom kranken Tom erzählte, gaben sie mir noch mehr Tee und ein paar Tipps für ihn mit. Die einleuchtendste Regel: Esse in jedem fremden Land als erstes den von dort stammenden Joghurt. Durch die einheimischen Joghurtkulturen wird der Magen direkt an das Essen von dort gewöhnt. Am nächsten  Tag ging ich noch einmal mit Tom dort vorbei. Alle erkundigten sich ach seinem Befinden und wieder gab es Tee in rauen Mengen.

Auf unserem Weg nach Griechenland lernten wir dann nochmal die türkische Gastfreundschaft in vollen Zügen kennen. Wir biegen von der Schnellstraße ab auf einen Parkplatz vor einem Restaurant, das sich als Fabriksverkauf einer Käserei entpuppt. Wir haben Hunger und bestellen uns einen Snack. Nachdem wir schon gierig die ersten Happen unseres Toast verschlungen haben, stellt uns der Verkäufer einen Teller mit Schafskäse und Oliven hin. Der Käse ist so lecker, dass wir beschließen, ein Stück zu kaufen. Als wir nach dem Essen an der Theke bezahlen wollen und den Käse mit Händen und Füßen bestellen, macht uns der Verkäufer nochmal einen Probierteller fertig. Er wickelt Folie um den Teller, stellt uns noch eine Süßspeise aus Käse und zwei Wasserflaschen dazu und berechnet schließlich aber nur den Snack, will auch erst den einen Lira Trinkgeld nicht nehmen. Er freut sich sichtlich, uns mit all dem etwas Gutes getan zu haben und winkt noch zum Abschied. Wir steigen gerührt in unseren Bus und verlassen die Türkei mit einem guten Gefühl. Griechenland empfängt uns mit fast 30 Grad, einer einsamen Bucht am Mittelmeer und dem spielgeldartigen Gefühl, wieder Euro in den Händen zu haben. Land Nummer 9 ist erreicht.

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