What have I become?

Seit zwei Wochen versuche ich hier schriftlich festzuhalten, wie sich das Zurückkommen anfühlt, was sich verändert hat, und dass Reisen irgendwie mit Träumen zu vergleichen ist, weil es sich im Nachhinein so erschreckend irreal anfühlt. Natürlich ist alles wie vorher und trotzdem anders. Natürlich hat sich in uns etwas verändert. Das ist schließlich der Effekt von Reisen. Natürlich verging die Zeit rasant schnell und doch irgendwie langsam. Und natürlich fühlt sich jetzt im Wieder-hier-Sein all das Unterwegs-Sein sehr unwirklich an. Fotos sind meine Zeugen, der Tachostand des Busses auch. Es wird einen Moment dauern, bis die Erinnerungen sich real anfühlen.

Gerade höre ich „Hurt“ von Johnny Cash. Es gibt eine Geschichte von der Reise dazu, oder viel mehr einen Moment. Wir waren im Grenzland zwischen Bulgarien und der Türkei unterwegs. Es ist bergig dort und grün bewaldet. Ich glaub, es war warm, fast heiß. Die Straße schlägelte sich die Hügel hoch und wieder herunter. Kaum ein anderes Auto unterwegs. Gute Stimmung im Bus, Entspanntheit und Spannung zugleich. Ein großer Teil der Reise lag bereits hinter uns, ein weiterer aufregender noch vor uns. Wir hatten uns morgens vom Schwarzen Meer verabschiedet und steuerten jetzt dem nächsten Ziel entgegen: Istanbul.
Und dann läuft dieses Lied von Johnny Cash und auf einmal ändert sich der Fokus. Auf einmal ist es vollkommen egal, wo wir gerade sind. Auf einmal werden die Themen groß, die so oft nur im Hintergrund laufen.

„What have I become, my sweetest friend. Everyone I know goes away in the end.“

Ich weiß, das drückt auf die Tränendrüsen und ist irgendwie kitschig. Tut mir leid. Aber es ist ein Moment der Reise, der hängen geblieben ist, der sich in meiner Erinnerung realer anfühlt als viele andere. Wir saßen beide schweigend im Auto und alles war voll mit diesem Lied. Unsere Köpfe, der Bus, die Landschaft drum herum. Ja, auch alle vier anwesenden Augen flossen kurzweilig über. Dann kam die türkische Grenze und wir hatten wieder mit der unmittelbaren Realität zu tun.

„If I could start again, a million miles away, I would keep myself, I would find a way“, singt Cash am Ende des Liedes. Ich bin mir nicht so sicher, ob ihm das gelungen wäre (ebenso wenig, wie der Urheber des Songs Trent Reznor von den Nine Inch Nails) und ob das überhaupt jemandem gelingen würde. Ein bisschen gehört das Sich-selbst-Verlieren im Alltag, im Zwischenmenschlichen doch auch dazu. Schwer zu akzeptieren, denn das klingt unweigerlich nach Verlust.
Auf Reisen lässt sich hervorragend wieder das aufsammeln, was im Alltag verloren ging. Der Weg zu sich selbst ist kürzer und unbeeinflusster. Aber er ist auch einsamer. Ein Dilemma, das ich gerne in Kauf nehme, dass ich aber mindestens genauso gerne wieder überwinde, um anzukommen.

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